"Bleibet hier und waschet mit mir!"
Taizé ist ein kleiner Ort in Burgund. Jedes Jahr laden die Brüder der Gemeinschaft Jugendliche aus aller Welt ein. Umgeben von Sonnenblumen und Kornfeldern können sich die jungen Menschen hier besinnen und in der Gemeinschaft oder alleine über religiöse und andere persönliche Fragen nachdenken. Zeitweilig waren über 5000 Menschen zu Gast, darunter 33 Jugendliche (und jung Gebliebene) aus Aachen und Umgebung.
Eine Reise ins Ungewisse
Treffpunkt zur Abfahrt war die Kirche in Walheim. Hier trafen sich neue und erfahrene Taizéfahrer um die Fahrt mit einer kurzen Andacht zu beginnen. Die Beweggründe für den Besuch in Taizé waren sehr unterschiedlich: Einige wollten möglichst viele verschiedene Menschen aus möglichst vielen verschiedenen Ländern kennen lernen. Andere wollten innere Ruhe finden und Zeit zum Nachdenken.
So unterschiedlich die Erwartungen waren, so unterschiedlich waren auch die Reaktionen als wir nach achtstündiger Fahrt unser Ziel erreichten. Vorher waren wir auf dem Weg durch kleine französische Dörfer in malerischer Einöde gekommen und durchfahren scheinbar nur ein weiteres und dann sind wir plötzlich da. Wie aus dem nichts tut sich der Parkplatz von Taizé vor mir auf, bei dem ich spontan an den Phantasialand-Parkplatz denken muss. Jetzt war ich angekommen. Taizé, mein Ziel, worüber ich schon so viel gehört hatte. Von "wunderschön" über "viele Menschen" bis "nimm dir bloß was zu Essen mit". Und was ich gehört hatte stimmte. Es waren viel Menschen in Taizé. Was mich dabei beeindruckt hat war die gelassene Ruhe und Freundlichkeit, mit der alle Menschen das Chaos des Anreisetags (Sonntag) ertrugen und uns begegneten. So waren die Formalitäten der Anmeldung sehr schnell hinter uns gebracht. Danach hieß es Zeltplatz suchen, Zelt aufbauen und einziehen. Das alles brachten wir mit aufgeregte Vorfreude hinter uns, denn das wichtigste sollte ja noch kommen: Das Abendessen. Leider bestätigte sich nur beim ersten Abendessen was ich vorher gehört hatte. Es gab den geschmacklosesten Eintopf, den ich je gegessen habe. Die restliche Woche habe ich aber immer gut gegessen! Danach folgte die Abendmesse. Die Atmosphäre während den Messen in der Kirche lässt sich eigentlich nur mit einem Wort beschreiben: Wunderschön. Stellt euch einen Raum vor, der etwa so groß ist wie zwei "handelsübliche" Turnhallen. Licht spenden wenige Lampen und Kerzen und das letzte Tageslicht dringt durch kleine, bunte Kirchenfenster. Es ist grade genug Licht, damit ich von meinem Notenblatt ablesen kann. Etwa 4500 Menschen sitzen auf dem Boden um mich herum und singen vierstimmige Lieder. Die Lieder sind beinahe in allen Sprachen verfasst und so kann es sein, dass der französische Sitznachbar das Lied "Bleibet hier und wachet mit mir" lauthals und voller Inbrunst als "Bleibet hier und waschet mit mir" interpretiert. Das führte eher zu Heiterkeit während der Messe, die ich als sehr angenehm empfand. Auch die ca. 10 minütige Stille, eine weitere Spezialität der Taizé- Messe, empfand ich nach einer Eingewöhnungszeit als sehr schön.
Heiterkeit wohin man schaut
Heiterkeit, Spaß und der Ernst des Lebens mit seinen kleinen und großen Problemen sind in Taizé sehr gut ausbalanciert. Alles findet hier seinen Raum. Ich habe erlebt wie Menschen, die uns nicht verstanden, mit Freude und vollem Elan an unseren Gruppenspielen teilnahmen. Oder wie die obligatorische Arbeit als Beitrag zur Gemeinschaft, zu denen auch Kloputzen gehört, mit viel Spaß und viel lachen erledigt wurden.
Wenn jemand ein Problem hat, so findet er in Taizé Hilfe und Unterstützung. Entweder bei einem anderen Taizé- Besucher, den Gesprächsgruppen, die jeden Tag stattfinden, oder bei einem Bruder der Gemeinschaft. Die Brüder stehen, wie man so schön sagt und was mich ehrlich gesagt sehr überrascht hat, mitten im Leben. Die Brüder, die ich getroffen habe, waren locker und freundlich und konnten gute Ratschläge und Denkanstöße geben. Sie entsprachen in keinster Weise meinem Vorurteil von Mönchen. Die Gesprächsgruppen sind eine weiterer Teil des Taizé-Tages. Sie werden am zweiten Tag zusammengelost. Man trifft also auf völlig fremde Menschen, die möglicherweise eine andere Sprache sprechen und redet mit ihnen. Über Themen, die zuvor in einer etwa halbstündigen Bibeleinführung von einem Bruder angerissen werden. Meistens geht es dabei über persönliche Glaubens- oder Gefühlsfragen. Das sind nicht die Fragen, die man mit Jedermann bespricht, aber Taizé ist eben anders. Die anderen in meiner Gruppe waren offen und nett und so fasste ich schnell Vertrauen.
Auch die natürlichen Sprachbarrieren konnten wir mit Taizé-"Englisch" und Händen und Füßen überwinden.
Eine Tankstelle für die Seele
Wenn sich mein Bericht bisher so angehört hat, als ob sich dort alles nur um beten, arbeiten und persönliche Probleme drehen würde, muss ich jetzt noch was richtig stellen. Es bleibt viel freie Zeit, die man nutzen kann wie man möchte. Da kann es sein, dass es schon mal laut wird. Besonders Abends, wenn sich alle am Oyak, eine Art Kiosk, treffen. Dann wird Taizé automatisch zur "Partymeile". Denn bei 5000 Jugendlichen an einem Fleck kommt automatisch Stimmung auf. Am Oyak findet man eine Vielfalt, die mich sofort begeisterte. Einziger Wehmutstropfen ist die "Sperrstunde" um 23.30 Uhr. Dann wird man freundlich aber bestimmt gebeten ins Bett zu gehen oder in die Kirche, wenn man noch nicht schlafen will. Wer die Communauté de Taizé als Kloster bezeichnet, hat nur einen Bruchteil von Taizé erfasst. Auch "internationaler Jugendtreff" sagt nicht alles. Die beste Bezeichnung die ich bis jetzt gehört habe lautete, dass Taizé eine "Tankstelle für die Seele" sei.
Hier kann man alleine sein oder mit anderen. Man kann Ruhe finden oder lautstarke Gespräche, Gesang und einen scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Gruppenspielen finden. Man kann über seinen Glauben und seine Gedanken reden oder über Gott und die Welt. Man kann die unglaubliche Umgebung genießen oder die Atmosphäre in der Kirche. Man kann singen und tanzen. Man kann ernst sein, traurig, glücklich oder fröhlich. Man darf nahezu alles machen, was die Gemeinschaft nicht stört. Und das alles in einem Kloster oder einem "internationalen Jugentreff"? Nein, in Taizé! Denn egal was man machen möchte, was man sich erhofft oder sich vorgenommen hat, man kann es tun. Denn in Taizé hat man die Zeit dazu, die im Alltag allzu oft fehlt. Und man hat den Raum dazu. Keine Gedanken über den nächsten Tag, die mir durch den Kopf schwirren und mich ablenken.
In Taizé wird man akzeptiert ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Hier ist für mich der ideale Platz um zur Ruhe zu kommen, Klarheit zu finden und wieder aufzutanken. Ich kann nur jedem wärmsten empfehlen selbst einmal dort hin zu fahren!
Yannik Schaar
Na, interessiert? Weitere Informationen über Taizé-Fahrten in Aachen und Umgebung gibt es unter www.taize-aachen.de .
Informationen über Taizé gibt es unter www.taize.fr .
Am 3. November 2007 findet im Aachener Dom eine Nacht der Lichter mit einem Taizé- Gottesdienst statt.